Als Fotografin zur See fahren.

29. November 2018

Hauptberuflich auf Schiffen fotografieren? Ja, das geht. Und das habe ich mir letzten Sommer als Ziel gesetzt. Mein Bewerbungsgespräch bei AIDA habe ich erfolgreich absolviert und nun gingen die Planungen los. Wo fängt man da am Besten an, wenn man so etwas noch nie gemacht hat? Zum Glück gab es Hilfe von der Firma, wie man sich als Erstfahrer vorbereiten kann, was man einpacken sollte und was lieber nicht. Kurze Zeit später gab es den ersten Vertrag: 6 Monate ab Ende September an Bord der AIDAperla im westlichen Mittelmeer. „Na, für den Winter immerhin der Kälte entfliehen“, dachte ich mir. Viele Dinge mussten erledigt werden. Zum einen ein einwöchiges Sicherheitstraining in Rostock, wo ich mich mit anderen Erstfahrern aber auch „alten Hasen“ über das Anstehende austauschen konnte. Wir lernten viel über die Sicherheit an Bord, durften Feuer löschen, Evakuierungen durchführen und mit Überlebensanzügen im Hafenbecken Formationen schwimmen. 

 

Parallel zu dem Sicherheitstraining fand in Hamburg meine Zeugnisvergabe von der Kunstschule Wandsbek statt, an der ich leider nicht teilnehmen konnte. Mein Zeugnis holte ich eine Woche darauf ab, an meinem letzten verbleibenden Tag in Deutschland. Am Vortag gab es noch eine große Überraschung für mich. Ich erhielt einen Anruf, dass auf einem anderen Schiff dringend ein Fotograf gebraucht wird. Es ging um die AIDAvita, die zu der Zeit in der Ostsee fuhr. Als ich sah, dass sie nach 4 Wochen ihre Transreise zu den kanarischen Inseln machen und von dort aus für einige Monate die Azoren, Kapverden und auch das portugiesische und spanische Festland ansteuern wird, war es um mich geschehen. Natürlich mache ich das! So musste ich zwar zwei Tage vor Abflug noch einmal ein gesamtes Gepäck für ein halbes Jahr durchgehen und Klamotten tauschen, jedoch erwartete mich ein viel größeres Abenteuer als anfangs gedacht. 

Also hieß es am 29. September nach einer unruhigen Nacht Abschied nehmen von den Liebsten. Es war ein schwerer Schritt, denn man lässt alles Bekannte zurück und macht sich auf den Weg zu etwas völlig Unbekanntem. Nie zuvor habe ich eine Kreuzfahrt gemacht, geschweige denn diese Art von Urlaub in Betracht gezogen.

Mein Flug ging in der Früh von Hamburg nach Kopenhagen, dort wurde ich von der Agentur abgeholt und zum Hafen gebracht. Den ersten Moment, als ich das Schiff sah, vergesse ich nicht. Es wirkte sehr groß und mächtig auf mich, obwohl es eines der ältesten und kleinsten Schiffe der Flotte ist. Ganz gespannt wurde ich an Bord gebracht, mit den wichtigsten Dingen vertraut gemacht und dann holte mich mein Team ab und los ging es. Es war sehr aufregend, das Schiff kennen zu lernen, sich in der ersten Zeit viel zu verlaufen, neue Plätze und Ecken kennen zu lernen und sich auch mit der Crew vertraut zu machen. Und vor Allem auch dem Schiffsleben. Die Uhren ticken etwas anders, wenn man an Bord lebt und arbeitet. Morgens beginnt der Arbeitstag meist dann, sobald man im Hafen anlegt. Arbeitszeit bis Mittags, dann gibts eine Pause. Entweder geht man raus, erkundet den Hafen und die Umgebung oder man versucht beim Mittagsschlaf etwas Kraft zu tanken, Wäsche zu machen oder Kontakt nach Hause zu kriegen. Am Nachmittag oder frühen Abend ging der Arbeitstag weiter bis spätabends. Nächsten Tag von vorn. 7 Tage die Woche. Anfangs machte es mir ganz schön zu schaffen, plötzlich einen so vollgepackten Alltag zu haben und viel auf den Beinen zu sein, nach einer Weile gewöhnt man sich ganz gut daran. Die ersten Wochen sind die Schwersten, jedoch hat man nach einigen Wochen sein Leben an Bord gut im Griff, hat Kontakte und Freundschaften geschlossen und ist auch gut mit der Arbeit an sich vertraut. Routine ist etwas, das an Bord wirklich gut hilft, klarzukommen.

Den kompletten Oktober starteten wir von Kiel aus zu Häfen in der Ostsee und auch nach Süd-Norwegen. Zu der Zeit hatte mich der Seegang noch voll im Griff, oft gab es Zeiten, an denen ich mir eine flache See und ein ruhigen Untergrund gewünscht habe. Oft war ich seekrank, nach 3 Monaten konnte ich langsam die Freude an Wellen von über 3m gewinnen.

Zurück zu der Route. Von Oslo über Stockholm, Helsinki bis St. Petersburg liefen wir viele verschiedene Häfen an, in kürzester Zeit lernte ich viele verschiedene Länder kennen. In Kopenhagen lagen wir gefühlt alle paar Tage, dort wurde man mit der näheren Umgebung schon sehr schnell vertraut. 

Dann rückte der 25. Oktober näher. Dort liefen wir in den Hamburger Hafen ein, meine Familie kam mich an Bord besuchen und brachte mir noch einige Sachen, bei denen ich gemerkt habe, dass sie an Bord doch sinnvoll sein könnten. Der erste „Probemonat“ war um und ich habe mich sehr gefreut, mal wieder vertraute Gesichter zu sehen und mich auf einen richtigen Abschied vorbereiten. Denn an dem Abend verließen wir Hamburg mit dem Ziel Gran Canaria. Hamburg würde ich erst 5 Monate später wiedersehen, am 25. März. Den Tag sollte die AIDAvita wieder in Hamburg einlaufen und ich sollte nach 178 Tagen in meinen wohlverdienten Urlaub gehen. Doch bis dahin war noch viel Zeit.

Die Transreise startete und unsere Ziele waren Dover (England), Le Havre (Frankreich), Ferrol (Spanien), Porto de Leixoes (Porto/Portugal), Lissabon (Portugal), Cadiz (Spanien) und dann nach 14 Tagen Las Palmas auf Gran Canaria.

In der Zeit, die wir im Süden verbrachten, hatte ich die Möglichkeit 7 von 8 kanarischen Inseln kennen zu lernen. Ich war überrascht, als ich festgestellt habe, wie sehr mir doch die westlichen, sehr grünen Inseln La Palma, La Gomera und El Hierro zusagen. Es war ein Mix aus schönen Wäldern, vielen Bergen, schwarzen Sandstränden und klarem Wasser. Bevor ich hier noch mehr beschreibe, sollten im Idealfall einfach die Bilder wirken.

Ein weiteres Highlight für mich waren die Azoren, ein Archipel weit draußen im Atlantik. Diese portugiesischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs und haben durch ihre Lage sehr milde Winter und nicht so heiße Sommer. Dafür hat man fast immer die Chance, einen Regenschauer zu erwischen, was die Natur natürlich besonders grün erblühen lässt.

Heiligabend verbrachten wir auf See, auf dem dem Weg zu den Azoren. Am Silvesterabend fanden wir uns auf Reede vor Madeira wieder, um zu Mitternacht das größte Feuerwerk der Welt zu sehen, was wirklich beeindruckend war. Die Stimmung war sowohl an Weihnachten als auch zu Silvester schön. Man hat gemerkt, dass die Crew zusammenhält und sich gegenseitig schöne Tage bescheren will.

Passend zu den Feierlichkeiten war auch die Hälfte meiner Zeit an Bord geschafft. Die Countdown-App zählte langsam die Tage runter, die Vorfreude auf zu Hause stieg. Weiterhin tourten wir zwischen Azoren, Kapverden und Lissabon/Porto/Cadiz hin und her, doch auch die Transreise zum Hamburger Hafen kam langsam näher.

In der Zwischenzeit haben mein Fotokollege und guter Freund Robert und ich uns Tretroller zugelegt, um in den Häfen schneller von A nach B zu kommen. Auch wenn wir über Nacht (Overnight) in einem Hafen lagen nutzten wir die Chance, um die Gegend besser erkunden zu können.

Im März war es dann so weit: einige Häfen liefen wir bereits zum letzten Mal an, die letzten Erinnerungsstücke auf den Azoren und den Kanaren wurden eingekauft und dann starteten wir unsere zweiwöchige Tour gen Heimathafen. Die Aussicht auf Ausschlafen, vertraute Menschen und vor Allem einen Urlaub ohne Arbeitsplan ließen meine Vorfreude ins unermessliche steigen. Bald endlich mal wieder Konzerte besuchen, mit Freunden feiern gehen und Essen, was man möchte. Robert sollte zusammen mit mir in Hamburg absteigen. Zusammen konnten wir und auf zu Hause freuen, es war gut, dass jemand die eigene Lage gut nachvollziehen konnte. Andererseits war es auch ein komisches Gefühl, das gesamte Leben, was man sich in der Zeit aufgebaut hat, alsbald wieder zurückzulassen und in eine ganz andere Welt zurückzukehren.

Die Transreise machte wieder an den Häfen halt, an denen wir 5 Monate zuvor schon gestoppt haben. Dieses Mal galt es, andere Ecken der Hafenstädte zu erkunden oder andere Ausflüge als Fotograf zu begleiten, um noch mehr zu entdecken. Das ließ sich zum Glück auch realisieren, so konnte ich auf der Rückreise auch die Kathedrale in Rouen (Frankreich) besuchen und eine ausgiebige Tour durch das Dover Castle (England) machen, klassisch mit Scones und Cream Tea.

Unser letzter Hafen vor Hamburg sollte ein anderthalbtätiger Besuch Amsterdams sein, bei dem wir mit dem Schiff sehr zentral in der Stadt lagen. An die Kälte im Frühjahr waren wir alle nicht mehr gewöhnt, gerade wenn man den Winter in angenehmer durchschnittlicher Wärme von 20° verbracht hat. Den späten Abend verbrachten wir mit Kollegen im Herzen vom Amsterdam und entdeckten das Nachtleben. Kurz danach brach der letzte Tag an Bord an. Die Sachen alle schon fleißig gepackt, wurde man langsam nervös. Abends fand noch eine Farewell-Party statt, bei der die Kollegen den Abschied eines Crewmitgliedes feiern. Da am Folgetag ein beachtlicher Teil der Crew in den Urlaub ging, war die Feier umso schöner. Ein letztes Mal noch Zeit mit den Leuten verbringen, die in der Zeit an Bord zur Familie wurde und mit denen man viel erlebt hat. Mir war es wichtig, das Einlaufen in den Hamburger Hafen mitzuerleben. Auf Grund des frühen Anlegens war auch das Einlaufen dementsprechend rechtzeitig. An Schlaf war nicht zu denken. Irgendwann um 4 Uhr begab ich mich dick eingepackt zum Bug des Schiffes, als wir nach und nach markante Punkte an der Elbe passierten. Stade war schon vorbei und so langsam erhoben sich die Lichter der wunderschönen Hansestadt. Ich war wieder zu Hause. 

Völlig übermüdet und aufgeregt war ich eine der ersten, die ihr Hab und Gut von Bord brachte und sehnlichst auf die Familie wartete. Auch die engsten Freunde waren mit dabei und haben für eine schöne Überraschung gesorgt. 

Die erste Zeit zu Hause war sehr hart. Das Leben an Bord ist wie eine Parallelwelt. Man ist immer von Menschen umgeben, hat ein sehr intensives Sozialleben und es gibt immer was zu tun. Kaum kommt man zu Hause an, wird einem bewusst, wie sehr man sich daran gewöhnt hat. Und dass die Freunde an Land ihren Jobs etc. nachgehen und nicht immer so spontan Zeit haben, wie man es bei den Freunden an Bord erlebt hat. An Land geht das Leben auch ohne einen weiter und das verdrängt man irgendwie schon hin und wieder mal. Umso dankbarer bin ich über die Möglichkeit, auch an Bord via Handy möglichst intensiven Kontakt zur Heimat zu halten, was durch die viele Arbeit auch nicht immer zu 100% gelingt. 

Nach einer kurzen Zeit an Land war für mich aber klar: allzu lange will ich nicht zu Hause bleiben. Das Leben und Arbeiten an Bord ist doch besser als gedacht, die Reiselust hat mich gepackt und ich will mehr sehen. Also direkt wieder Kontakt zur Firma aufgenommen und gefragt, wann ich wieder aufsteigen darf. Boat Life 2 war in Sicht!

Vielen Dank fürs Lesen,
Katrin // CorneredRing

PS: Für meine Reisebilder habe ich einen Instagram-Account eingerichtet. Dieser wird regelmäßig mit neuen Bildern gefüttert. @katventure_life , schaut gern Mal rein!



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